Das Konzept ist aufgegangen

Drei Veranstaltungsorte, fünf Vorträge, 220 Gäste - das war der 27. Fuldaer Wirtschaftstag, der dieses Jahr völlig neue Wege beschritten hat. Ziel war es, den Unternehmen in der Region und vor allem der Veranstaltungsbranche Mut zu machen und den Kongress trotz Corona-Pandemie zu organisieren. Ein Ziel, das erreicht wurde.

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Als Ex-EU-Kommissar Günther Oettinger die Rente mit 70 forderte, brandete zumindest bei den Unternehmer*innen im Stadtsaal des Hotels Maritim deutlich vernehmbarer Applaus auf. Im Morgensternhaus – hier waren zahlreiche Studierende unter den Zuhörer*innen – und den Auszubildenden im Azubikampus Pings herrschte dagegen betroffenes Schweigen.
Ziel des Fuldaer Wirtschaftstages war es, den Unternehmen in der Region und vor allem der Veranstaltungsbranche Mut zu machen und den Kongress trotz Corona-Pandemie zu organisieren. Für meisten Teilnehmer*innen und Referent*innen war die Tagung die erste größere Präsenzveranstaltung seit einem halben Jahr. IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt ist zuversichtlich, dass Ende März auch die Bildungsmesse in der Esperantohalle ihre Pforten öffnen wird. Der Jahresempfang 2021 wird übrigens am 20. Mai als Freiluftveranstaltung auf Schloss Fasanerie veranstaltet.
Gebhardt ging ebenfalls auf das Thema des Wirtschaftstages „Wirtschaft – Werte – Wandel: Megatrend Nachhaltigkeit“ ein. Nachhaltigkeit bezeichnete der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer als Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und Sozialem. Mit dem Unesco-Biosphärenreservat Rhön und dem Sternenpark kann die Region mit zwei Nachhaltigkeits-Hotspots punkten, deren große Strahlkraft weit über die Grenzen des Landkreises hinausreicht.

Dance of Dilemmas

Den „Dance of Dilemmas“ bei der Verwirklichung der Nachhaltigkeitsziele erklärte UN-Botschafterin Nina Ruge: Wirtschaft, Politik und Gesellschaft seien noch weit davon entfernt, ihre selbst gesteckten Ziele zu erreichen und mehr Verantwortung zu übernehmen. Gemeinsam mit Professorin Dr. Estelle Herlyn von der Hochschule für Ökologie und Management (FOM) Düsseldorf deckte die bekannte Moderatorin des deutschen Fernsehens aktuelle Lücken auf:
  • das CO2-Gap: „Die ehrgeizigen Ziele können schon jetzt nicht mehr erreicht werden.“
  • das Time-Gap „Wir sind immer zu spät dran!“
  • das Finance-Gap: „Wir haben nicht genug Geld für den Klimaschutz“ sowie
  • das Developement-Gap: „Es fehlt an nachhaltiger technischer Innovation.“
In einer Podiumsdiskussion, moderiert von Nina Ruge, erläuterten die Startup-Unternehmerin Franziska Hannig (Inaska GmbH) und der Jungunternehmer Daniel Anthes (Knärzje GmbH), wie Nachhaltigkeit praktisch umgesetzt werden kann. Hannig produziert Bade- und Sportmode aus recyceltem Nylon wie Fischernetzen und anderem Plastikmüll aus dem Meer. Das Food-Start-up von Daniel Anthes braut Bier aus altem Brot.
Das Nachhaltigkeitskonzept von Trumpf, beleuchtet Dr. Andeas Möller, Leiter des Zentralbereichs Unternehmenskommunikation und Politik des schwäbischen Maschinenbauers. Das mittelständische Unternehmen mit Sitz in Ditzigen beschäftigt 15.000 Mitarbeitende und zählt zu den führenden Technologieunternehmen im Bereich Maschinenbau und Lasertechnik. Der Co2-Abdruck konnte mittlerweile deutlich reduziert wirden. Inzwischen wurde auch eine zukunftsweisende und ressourcenschonende Möglichkeit entwickelt, um Mikro-Chips mit UV-Licht zu entwickeln, erläuterte Möller.

Die Welt ordnet sich neu

Der Mix aus digital & nachhaltig ist der Nährboden für die Geschäftsmodelle der Zukunft, ist Professor Dr. Henning Vöpel überzeugt. Der Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsinstitut (HWWI) bezeichnete den Klimawandel als die größte denkbare globale Herausforderung. Gepaart mit dem Megatrend Digitalisierung gehe es letztlich „um die Grundlagen unseres Wohlstandes.“ Der Volkswirt wies eindrucksvoll auf die Ziel- und Verteilungskonflikte mit den aufstrebenden Staaten der Dritten Welt hin, die nicht auf fossile Brennstoffe verzichten wollen.
Und schließlich sei die Digitalisierung nicht nur eine technisch-ökonomische, sondern auch eine kulturelle Revolution:
„Die neuen Regeln für die Weltordnung werden sich entlang der digitalen Plattformen entwickeln. Hier sind Deutschland und Europa zu zögerlich. China geht voran und auch die USA sollten ebenfalls nicht unterschätzt werden.“

Es ist noch nicht zu spät

„Wir fallen zurück. Wo sind wir eigentlich noch vorne?“
Günther H. Oettinger zeichnete ein eher düsteres Bild vom aktuellen Zustand der deutschen Wirtschaft. Statt auf Innovationen zu setzen und den Standort zu stärken, würden marode „Zombie-Unternehmen“ künstlich am Leben gehalten und eine Umwelt- und Sozialpolitik betrieben, die in vielen Bereichen industrieschädliche Züge habe, betonte der EU-Kommissar a. D. Auch mit den Unternehmern ging der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg scharf ins Gericht:
„Statt über ihr Golfhandicap zu reden, sollten Führungskräfte sich lieber mit ihrer Wettbewerbsfähigkeit und der Zukunft beschäftigen.“
Mit Blick auf den chinesischen Plan, im Jahr 2049 militärisch und wirtschaftlich die Nummer Eins in der Welt zu sein, fehlt Oettinger eine deutsche Vision:
„Wir laufen sonst Gefahr, in den nächsten Jahrzehnten das Freilichtmuseum für Wirtschaftskultur zu werden.“  
Der Schwabe machte aber auch Mut: Es sei noch nicht zu spät.
„Wir haben die Substanz und die Ressourcen, aber uns fehlen die Arbeitskräfte.“
Die Wirtschaft müsse ihre Stimme deutlich erheben. Rente mit 70 und eine radikale Steuerreform dürften keine Tabus sein.

IHK entwickelt neue Formate


Zumindest die Stimme der Industrie- und Handelskammer Fulda wurde an diesem Tag gehört. Und das Thema Nachhaltigkeit hat auch nach dem Fuldaer Wirtschaftstag weiterhin hohe Priorität, betont Michael Konow. In der nächsten Zeit werden verschiedene Formate entwickelt, um die Unternehmer*innen für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren.
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