Brexit – Handlungsempfehlungen für das Großbritanniengeschäft ab 2021

Handelsabkommen

Ab dem 1. Januar 2021 regelt ein Handelsabkommen die Zusammenarbeit und die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich. Mit dem Abkommen konnte ein “No-Deal-Brexit” mit Zöllen für Exporteure und Importeure verhindert werden. Allerdings müssen sich Unternehmen mit UK-Geschäft ab 2021 auf zusätzliche Zollbürokratie und administrative Belastungen einstellen.
Das Handelsabkommen tritt zum 1. Januar 2021 in Kraft, muss aber noch von von den Parlamenten der 27 EU-Mitgliedsstaaten, Großbritanniens und der Europäischen Union verabschiedet werden. Die offizielle EU-Mitgliedschaft Großbritanniens endete zum 31. Januar 2020, gefolgt von einer Übergangsphase bis 31. Dezember 2020.

Weiterführende Informationen und Links

  • Das vorläufige Handelsabkommen kann über das Portal der EU-Kommission als PDF-Dokument heruntergeladen werden (auf Englisch)
  • Zusammenfassung der wesentlichen Neuerungen (EU-Broschüre auf Englisch)
  • Die EU-Kommission beantwortet Fragen zum Handelsabkommen (auf Englisch)
Nach Auswertung des umfangreichen Abkommens (1.295 Seiten) finden Sie hier nachfolgend die wichtigsten Änderungen sowie Tipps und Empfehlungen, wie Sie sich und Ihr Unternehmen auf das künftige UK-Geschäft vorbereiten können:

Zollanmeldungen

Ab 1. Januar 2021 entsteht eine Grenze. Dies bedeutet für Exporteure und Importeure eine Rückkehr zu Zollanmeldungen und damit verbunden zusätzlicher Arbeitsaufwand und höhere Kosten. Unternehmen, die bislang nur an Kunden innerhalb des Europäischen Binnenmarkts geliefert haben, sollten entsprechendes Export-Wissen aufbauen, um künftig Zollanmeldungen für ihr Großbritanniengeschäft abgeben zu können. Die IHK hilft beim Know-how-Aufbau mit entsprechenden Exportseminaren.

Präferenznachweise und Präferenzkalkulation

Waren, die sich innerhalb der EU im freien Verkehr befanden, konnten bislang zollfrei zwischen Großbritannien und Deutschland hin und her geliefert werden. Künftig ist das nur noch der Fall, wenn die Nachweise für einen EU- bzw. UK-Präferenzursprung vorliegen. Liegen die Nachweise nicht vor, fallen künftig Zölle an. Der Aufwand zum Erlangen der Präferenznachweise kann höher ausfallen, als die anfallenden Zölle auf Drittlandswaren.
„Schon seit dem formalen Austritt aus der Union am 31. Januar 2020 werden britische Wertschöpfungsanteile von Drittstaaten zudem bei der Präferenzkalkulationen als nicht mehr ursprungsbestimmend für EU-Präferenzware akzeptiert“, erklärt Oliver Falk, IHK-Bereichsleiter Recht International. Besonders für Produkte, die nach der Wertklausel kalkuliert werden, kann die Erhöhung der Vormaterialien ohne EU-Präferenzursprung zum Verlust der EU-Präferenzeigenschaft führen. „Das kann sich negativ auf Lieferungen an Kunden in Drittstaaten auswirken. Wenn diese Lieferungen künftig nicht mehr vom EU-Ursprung profitieren können, werden diese Lieferungen in Zukunft zu den höheren Drittland-Zollsätzen statt zu den bisherigen Präferenz-Zollsätzen in das jeweilige Zielland erfolgen müssen“, so Falk.
IHK-Tipp: Bereits heute sollten Unternehmen den Anteil der britischen Vorerzeugnisse genau betrachten und ihren Wert ermitteln.

Lieferketten überprüfen

„Unternehmen aus der Region, die bislang Waren aus Großbritannien oder britischen Ursprungs beziehen, sollten jetzt ihre Lieferketten überprüfen“, empfiehlt Bernhard Schuster, der seit Jahren IHK-Mitgliedsunternehmen bei ihrem Westeuropa-Geschäft unterstützt. Die wichtigste Frage für das Überprüfen derartiger Lieferketten: Verfügt mein britischer Lieferant für seine Produkte künftig noch über die notwendigen EU-Zulassungen für das Inverkehrbringen seiner Waren?
Typen-Zulassungen durch britische Zulassungsbehörden verlieren nach aktuellem Kenntnisstand nach Ablauf der Übergangsfrist und gegebenenfalls eines etwaigen “Grandfather”-Zeitraums ihre Gültigkeit für den EU-Binnenmarkt. Rein auf Basis von zugelassenen Lieferungen britischer Zulassungsstellen dürfen dann bis auf weiteres nicht mehr in die EU eingeführt werden.
„Gerade in Fällen, in denen britische Lieferanten die einzigen Lieferanten eines (Vor-)Produkts in der Lieferantenkette bilden, sollten Unternehmen sich frühzeitig nach Alternativen umsehen. Ohne Lieferalternativen kann es andernfalls teuer werden“, verdeutlicht Schuster.

Umsatzverluste über Kompensationsmärkte ausgleichen

Wer weiterhin noch stark vom Großbritanniengeschäft abhängig ist, sollte seine Abhängigkeit durch Ausbau seines Geschäfts mit deutschen Kunden oder in anderen Auslandsmärkten reduzieren. Je gravierender ein Umsatzverlust für den Gesamterfolg des eigenen Unternehmens ist, umso wichtiger wird der Ausbau des Geschäfts mit Bestandskunden und Aufbau des Geschäfts mit Neukunden in anderen Märkten. Wir stehen ihren Unternehmen bei Auswahl und Bearbeitung geeigneter Kompensationsmärkte mit unserem Know-How zur Seite. Zu unseren Ansprechpartnern.

Anzeigepflicht bei bestimmten Güter

Bei der Einfuhr bestimmter Waren, wie medizinische oder kosmetische Produkte, aus Drittstaaten in die EU bestehen für den Hersteller und/oder Importeur bestimmte Anzeigepflichten. Zudem müssen Sicherheitsbeauftragte benannt werden, die in der EU ansässig sein müssen. Mit dem Austritt aus der EU gelten englische Unternehmen nicht mehr als Importeure, so dass die Anzeigepflicht auf deutsche Unternehmen übergeht. Auch hier sollten Unternehmen rechtzeitig Maßnahmen ergreifen.

CE-Kennzeichnungen – Produktzulassungen

Bestimmte Produkte, wie beispielsweise medizintechnische Geräte, Elektroartikel oder Spielsachen dürfen in der EU nur dann in Verkehr gebracht und in Betrieb genommen werden, wenn sie mit einer CE-Kennzeichnung versehen sind. Diese Kennzeichnung darf nur angebracht werden, wenn geregelte produktspezifische Konformitätsbewertungsverfahren durchgeführt wurden. Für bestimmte Produktbereiche ist die Präsenz einer sogenannte „Benannten Stelle“ (Notified Body) erforderlich. Die Benannte Stelle hat den Auftrag, die Konformität von Produkten entsprechend geltender EU-Vorschriften zu prüfen.
Im Vereinigten Königreich angesiedelt, verlieren Benannte Stellen ab dem Austrittsdatum ihren EU-Status. Deutsche Unternehmen, die für ihre Produkte eine CE-Kennzeichnung benötigen, müssen nach dem Brexit sicherstellen, dass die erforderlichen Zertifikate von einer anerkannten Benannten Stelle mit Sitz in der dann EU-27 ausgestellt werden.
IHK-Tipp: Die Kommission stellt eine unverbindliche Aufstellung betroffener Waren- und Produktgruppen als Download zur Verfügung.

Verträge mit britischen Geschäftspartnern

Bestehende Verträge mit britischen Geschäftspartnern sollten auf die neuen Rahmenbedingungen angepasst werden. Zu den zu überprüfenden Vertragsklauseln zählen die Wahl des geltenden Rechts und des Gerichtsstands, die Definition des „Gebiets der EU“ (bei Lizenz- oder Vertriebsverträgen), mögliche Vertragsergänzungen zum Ausgleich von Zöllen oder zur Währungsabsicherung. Vertragliche Regelungen zu CE- beziehungsweise UKCA-Kennzeichnungen sowie EU-Normen müssen ebenfalls neu definiert werden. Bei Dienstleistungs-, Arbeits- oder Handelsvertreterverträgen sind Neuregelungen bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit oder der Dienstleistungserbringung zu beachten.

Dienstleistungen in Großbritannien

Mit Ablauf der Übergangsfrist zum Jahresende 2020 endet auch die Personenfreizügigkeit und die Dienstleistungsfreiheit. Unternehmen, die ab 2021 Mitarbeitereinsätze auf der Insel planen, sollten sich rechtzeitig auf die mögliche Einführung zusätzlicher Formalitäten vorbereiten: Visumspflicht, Arbeitserlaubnis bis hin zu Aufenthaltsgenehmigungen. Durch Zollkontrollen bei der Ein- und Ausreise sind zusätzlichen Wartezeiten und Verzögerungen zu erwarten.

Irland-Vertrieb überprüfen

Oft bearbeiten britische Vertriebspartner den irischen Markt für ihre deutschen Auftraggeber gleich mit. Unternehmen sollten deshalb schon jetzt prüfen, ob dieser Ansatz auch für die Post-Brexit-Zeit noch der richtige Weg für sie ist.
In einem ersten Schritt sollten Unternehmen für sich prüfen, welches tatsächliche Geschäftspotential der irische Markt für das eigene Unternehmen bietet. Ist dieses Marktpotential nennenswert, sollte das deutsche Unternehmen danach überlegen, ob es den irischen Markt künftig besser direkt über einen irischen Vertriebspartner als über den britischen Vertriebspartner bearbeiten möchte. Auch andere Unternehmen werden dies prüfen. Wer früh dran ist, hat die besten Aussichten, sich einen für das eigene Produktportfolio besonders geeigneten irischen Vertriebspartner zu sichern.
Die Deutsch-Irische Handelskammer in Dublin hilft bei Bedarf bei der Suche geeigneter irischer Vertriebspartner.

Softwaresysteme rechtzeitig anpassen

ERP-Anpassungen und Änderungen anderer Softwareprogramme brauchen ihre Zeit. Unternehmen veranschlagten in mit dem Brexit vergleichbaren Situationen eine Anpassungszeit von sechs bis neun Monaten. Ein frühzeitiger Start empfiehlt sich deshalb.