Zweiter Branchentag „Versicherungen und Finanzen“

Am 5. Februar lud die Industrie- und Handelskammer (IHK) Fulda gemeinsam mit dem Berufsbildungswerk der Versicherungswirtschaft Fulda e. V. (BWV) zum Branchentag „Versicherungen und Finanzen“ ein. Vier namhafte Experten beleuchteten die große Bandbreite an Themen rund um Versicherungen und Finanzen.


„62.000 Schäden täglich wickeln Vermittler als Betreuer des Kunden geräuschlos ab“, unterstrich Bernhard Keller, Geschäftsführer der Richard Keller KG und Mitglied der IHK Vollversammlung, in seiner Begrüßung. In der öffentlichen Wahrnehmung würde das allerdings häufig vergessen. Stattdessen litten die Vermittler unter überbordender Bürokratie und ständigem Rechtfertigungsdruck. Hinzu käme die Null-Zins-Politik, vor deren Hintergrund sich das Portfolio ständig ändere.
Der Bundestagsabgeordnete Michael Brand, der die Schirmherrschaft der Veranstaltung übernommen hatte, skizzierte die Lage der Branche weltweit: „Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank hat Auswirkungen auf Millionen von Versicherten. Dadurch droht die Lebensversicherung an Attraktivität zu verlieren.“

Vertrauen gewinnen

„Versicherungsvertreter - Auslaufmodell oder alternativlos?“ Dieser Frage ging Dr. Thomas Köhne nach. Der Professor und Fachleiter Versicherungen an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin kennt die Praxis aus seiner 25-jährigen Tätigkeit unter anderem als leitender Angestellter bei der Hamburg-Mannheimer Versicherungs-AG. „Der Privatkunde hat in der Regel kein Interesse an Versicherungsprodukten“, stellte Köhne fest. Der Nutzen scheine zu abstrakt. Hinzu kämen negative Assoziationen bei Risikoprodukten.
„Versicherungsprodukte sind erklärungsbedürftig und ein Vertrauensgut – das gilt auch für die Beratung. Als Vertreter müssen wir dem Privatkunden neben Information, Erklärung und Kompetenz dieses Vertrauen vor allem auf der emotionalen Ebene vermitteln“, betonte der Experte. In Gesprächen mit Unternehmen sei es wichtig, Kaufbarrieren zu überwinden.
Die für die Branche wichtigsten Infos und Entwicklungen aus Berlin und Brüssel erläuterte Lutz Heer. Wie auch Michael Brand sieht der Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Vermögensberater e. V. (BDV) Handlungsbedarf. So dürfe es zum Beispiel keinen Deckel auf Provisionen geben. Der Koalitionsvertrag sehe zudem die Übertragung der Aufsicht über die Finanzanlagenvermittler auf die Bundesanstalt für Finanzdienstleitungsaufsicht (BaFin) vor. „Dabei sind alle Verbände, wie auch der DIHK, gegen diese Änderung. Hier bestehe ein großer Handlungsbedarf“, sagte Heer.
Wie Kommunikation in der Versicherungsbranche im Zeitalter von Social Media funktioniert, erläuterte Hans-Peter Janisch anhand zahlreicher Beispiele. Seit Jahrzehnten berät der Kommunikations- und Zeitungsdesigner die Medienindustrie und räumte bereits zahlreiche Preise ab. Auch der Relaunch der Fuldaer Zeitung bestätigt seine „Handschrift“.



Die Zukunft wird noch anspruchsvoller


Herr Keller, wie lautet Ihr persönliches Fazit nach dem Branchentag?

Es ist uns auch in diesem Jahr wieder gelungen, eine hochkarätige Veranstaltung mit einem großen Spannungsbogen auf die Beine zu stellen – von den Rahmenbedingungen über FinTech bis hin zu Praxistipps für die eigene Vermarktung. Sehr wichtig für uns war, dass sich unser Bundestagsabgeordneter Michael Brand die Zeit genommen hat, von Praktikern aus der Versicherungsbranche zu hören, wo der Schuh drückt. Denn in Berlin und Brüssel werden die Weichen für uns gestellt.

Was heißt das konkret?

Die Rahmenbedingen und die damit verbundenen Regulatorien werden immer umfangreicher. Die Anforderungen steigen, und die Prozesse werden deutlich komplexer. Es ist unglaublich, was wir bewältigen müssen. Unsere Branche wird mittlerweile mit den Banken gleichgesetzt. Deshalb sind ab 1.1.2021 höchstwahrscheinlich nicht mehr die Industrie- und Handelskammern für uns zuständig, sondern die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Deren Dienstleistungen sind nicht nur deutlich teurer als die der IHK, es fehlt zudem auch noch die regionale Nähe.
Das empfinden wir als sehr ungerecht, denn die Finanzkrise wurde durch Angebote der Kreditinstitute ausgelöst und nicht durch uns. Wir vermarkten keine spekulativen Produkte. Viele Kolleginnen und Kollegen kämpfen daher hart, um die Herausforderungen zu stemmen.
Um Altersarmut zu verhindern, muss der Staat zudem die private Vorsorge unbedingt fördern. Als Praktiker kennen wir die Sorgen und Nöte unserer Kunden. Hier muss dringend etwas passieren.

Was war für Sie besonders spannend?

Alle Beiträge waren thematisch sehr wertvoll. Sehr spannend fand ich persönlich die Anregungen von Hans-Peter Janisch, Kommunikations- und Zeitungsdesigner. In Zeiten von Social Media brauchen wir ganz neue Wege, um vor allem auch die junge Zielgruppe zu erreichen. Kurz und knapp informieren, Grafiken einsetzen, einen Wow-Effekt erzielen: Anhand zahlreicher praktischer Beispiele hat er geschildert, wie das funktioniert.
Interview: Roswitha Birkemeyer, IHK Fulda