IHK-Jahresempfang 2020: Mit Mut und Zuversicht ins neue Jahrzehnt

„In der Industrie haben wir eine Rezession“, stellte Michael Hüther gleich zu Beginn seiner Ausführungen fest. Als Hauptredner des IHK-Jahresempfangs ging der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (DIW) in Köln hart mit der Politik ins Gericht. Hüther forderte ein Ende der „schwarzen Null“ und mehr Investitionen, nahm aber auch die Unternehmen in die Pflicht, denen er Strategieunsicherheit bescheinigte.



Trotz oder gerade wegen der ernsteren Töne gingen von der Auftaktveranstaltung der Fuldaer Wirtschaft aber insgesamt positive und versöhnliche Botschaften aus. IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt brachte die wirtschaftliche Lage in Deutschland zu Beginn des neuen Jahrzehnts plastisch auf den Punkt: „Alles in allem kein Grund zur Panik, aber auch kein Grund, die Hände in die Hosentaschen zu stecken.“
Wie in jedem Jahr war das Schlosstheater mit mehr als 600 Teilnehmern gut gefüllt mit Politikern und Unternehmern, angeführt von Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber, Landrat Bernd Woide und Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld bis hin zu den Präsidenten des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK), Eberhard Flammer und der IHK Frankfurt, Ulrich Caspar.

Ausbildung aufwerten

Gebhardt warnte mit Blick auf die immer weiter voranschreitende Bürokratisierung vor einem Wandel von einer Leistungs- in eine Bürokratiegesellschaft. „Wir müssen aufpassen, dass es nicht zu einer Spaltung unserer Gesellschaft kommt, zwischen denjenigen die Leistung erbringen und denjenigen, die mehr der Unterstützung bedürfen.“ Als Leistungserbringer bezeichnete der Präsident neben den Unternehmern auch die Generation Mitte, die 30- bis 59-jährigen, die 70 Prozent der Erwerbstätigen darstellen und 80 Prozent des steuerpflichtigen Einkommens erzielen.
Als wichtigstes Instrument gegen diese drohende Spaltung nannte der IHK-Präsident Investitionen in den Rohstoff Bildung und zwar nicht nur in die akademische, sondern vor allem auch in die berufliche Bildung. „Das gesellschaftliche Ansehen der dualen Berufsausbildung muss wieder gesteigert werden. Es darf nicht sein, dass sich Auszubildende im Vergleich zu Studierenden als Jugendliche zweiter Klasse fühlen.“ Denn der Fachkräftemangel sei neben der wachsenden Bürokratisierung einer der wesentlichen Hemmschuhe für die wirtschaftliche Entwicklung.
Gebhardt schloss mit einem ganz persönlichen Wunschzettel: „Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Leistungsbereitschaft nicht von staatlicher Gängelung ausgebremst wird. Ich wünsche mir von unseren Politikern mehr Verständnis für Wirtschaft und Unternehmertum und eine Bürokratie mit Augenmaß. Denn dann macht Unternehmertum auch Spaß.“

Handeln, nicht moralisieren

Diesen Wunschzettel griff DIW-Chef Michael Hüther in seinem Vortrag auf. Das Flaggschiff der deutschen Wirtschaft, die Autoindustrie, leide nicht nur unter dem fehlenden eigenen Kompass, sondern vor allem auch unter dem Unverständnis der Politik, die für weitere Verunsicherung sorge. Die Bundesrepublik Deutschland stehe vor dem anspruchsvollsten Strukturwandel ihrer Geschichte. „Jetzt müssen wir handeln, nicht moralisieren“. Zu diesem Handeln gehört für Hüther, Stärke zu zeigen – mit einem auf zehn Jahre angelegten Investitionsfonds in die Infrastruktur in Höhe von 450 Milliarden Euro – und auf europäischer Ebene mehr Geschlossenheit bis hin zu einer gemeinsamen europäischen Armee.
Im Wettbewerb mit den USA und China laufe Europa sonst Gefahr, seine Bedeutung zu verlieren und an den Rand des Spielfeldes gedrückt zu werden. Hüther schloss versöhnlich: „Es gibt keinen Grund pessimistisch zu sein.“ Im Gegenteil, jede politische Partei müsse nur über ihren Schatten springen: Die CDU/CSU solle sich für ein Investitionspaket entscheiden, die SPD für eine echte Unternehmenssteuerreform und den Abschied vom Soli und die Grünen für eine Vereinfachung von Genehmigungsverfahren.

Konstruktive Zusammenarbeit

Wie harmonisch das Verhältnis von Politik und Wirtschaft in Fulda ist, verdeutlichte Dr. Heiko Wingenfeld in seinem Grußwort. Der Oberbürgermeister warb für Mut und Zuversicht und dankte den Unternehmern, die sich in den Gremien der IHK ehrenamtlich einbringen. Sein besonderer Dank galt dem scheidenden IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schunck. Der 60-Jährige, der am 1. April 2020 den Staffelstab an seinen Nachfolger Michael Konow weitergibt, schloss den offiziellen Teil des Jahresempfangs mit persönlichen Worten: „Ich bedanke mich bei Ihnen allen für die faire und konstruktive Begleitung in den vergangenen Jahren, ja teilweise sogar Jahrzehnten. Und ich bitte Sie, meinem Nachfolger Michael Konow, der heute bereits Gast unseres Neujahrsempfangs ist, das gleiche Vertrauen entgegenzubringen.“
Christoph Burkard, www.region-fulda.de